Tocotronic – Wir Sind Hier Nicht In Seattle, Dirk (WTF) (YouTube embedded)

Was bildest du dir ein?

Den Videoclip zum Song „Wir Sind Hier Nicht In Seattle, Dirk“ (1995) von Tocotronic verbinde ich mit meiner eigenen musikalischen Neuorientierung Mitte der 1990er Jahre: von einer besonderen Seattle-Grunge-Affinität über auch Britpop zur Musik der schon einige Zeit aktiven und dann so benannten ‚Hamburger Schule‘.
Diese prägte nach meiner Schullaufbahn und einem Freiwilligen Sozialen Jahr auch wesentlich die weiteren Jahre im Studium mit.

Umgesetzt von Henrik Peschel verwendet der Clip vielerlei vertraute Retro-Elemente innerhalb einer bisweilen unfreundlichen Umgebung, und alles auch in einer Grunge-Ästhetik.
Meine Jahre zuvor waren bereits mitunter bestimmt gewesen von der Second Hand / Retro-Vorliebe und einer persönlichen Neigung gelegentlich zum Kontroversen. Damit fand gerade die Band Tocotronic in der Folge nunmehr meine besondere Aufmerksamkeit.

Das eben erschienene erste Album Digital Ist Besser (3/1995) und die Band lernte ich mit dem Song „Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein“ kennen. Dieser lief damals in einer Spezialsendung für Neuvorstellungen bei einem österreichischen Jugendradiosender (FM4).
Das Musikfernsehen VIVA war eigentlich bereits seit gut einem Jahr auf Sendung, spielte aber für meine eigene musikalische Orientierung aufgrund noch fehlenden Empfangsmöglichkeiten kaum eine Rolle.

Einige Tage zuvor war mir bereits die Besprechung des Albums in dem Mailorder-Katalog für Independent-Tonträger ‚Malibu‘ aufgefallen. Diesen nutzten ich und andere in den vorangegangenen Jahren unter anderem für entsprechende Veröffentlichungen noch gerne und regelmäßig auch mangels einer geeigneten Alternative in der näheren Umgebung.

Der Videoclip zum Song nun verband zusammengefasst die (gegebenenfalls altersbedingte) allgemeine Identitätsfindungsfrage bzw. eine vorhandene popkulturelle Ausrichtung kraftvoll und authentisch mit der innovativen musikalischen Entwicklung hierzulande.
Zum anderen erschien das Debütalbum der Band zu einem Moment, der gerade nach dem Grunge-Hype und auch anderweitig bereit war für neue Besonderheiten.

Dahingehend darf man das Musikvideo auch als kulturelles Zeitdokument verstehen: sowohl schon aufgrund seines bandhistorischen und atmosphärisch stimmigen Wertes als auch als popkulturelles Statement mit (gesellschafts-)politischer Haltung.

Die Tatsache, daß es sich um den einzigen Clip zum Album und bei der Aufnahme um einen reinen Album-Track handelt (und er nicht als Single veröffentlicht wurde), verhinderte wohl das Overplay im Laufe der Jahre. Und macht diese visuelle Umsetzung heute vielleicht geradezu legendär.

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